Sprecherausbildung für Führungskräfte: Was Sie von Profis abschauen können
Führungskräfte fragen mich oft nach einer Sprecherausbildung. Nötig ist sie nicht, aber einiges dürfen Sie sich bei uns Profis abschauen.
Der Löffel sprach zur Gabel: „Ich bin der Mann, halt du den Schnabel.“ Dieser Satz diente nicht vorrangig als Anspielung auf alte Geschlechterrollen, sondern mit ihm waren früher Sprecherinnen und Sprecher in ihrer Ausbildung konfrontiert. Warum genau, erfahren Sie hier. Ebenso, ob auch Sie eine Sprecherausbildung absolvieren sollten.
Oder: Susi saß säuselnd am Südhang. Solche scheinbar sinnfreien Sätze übt man in der Sprecherausbildung. Dazu steckt man sich einen Korken in den Mund und versucht, trotzdem klar und deutlich zu sprechen.
Im Laufe meines Berufslebens haben mir viele Führungskräfte gesagt, dass sie ebenfalls eine Sprecherausbildung machen möchten, um besser zu präsentieren. Meine Antwort darauf ist kurz.
Brauchen Führungskräfte eine Sprecherausbildung?
Meist nein. Eine Sprecherausbildung dauert sehr lange und kostet viel Geld. Für gute Präsentationen ist sie nicht notwendig. Dennoch können ein paar Stunden auch Führungskräften nicht schaden: Damit steigern Sie Ihre Verständlichkeit, lernen Ihre Stimme zu schonen und überzeugen noch mehr. Einige Dinge können Sie sich außerdem von uns professionellen Sprechern abschauen.
Meine Sprecherausbildung: Burgtheaterdeutsch nach Vera Balser-Eberle
Die Konversation zwischen Löffel und Gabel und Sätze wie „Susi saß säuselnd am Südhang“ stehen im „Sprechtechnischen Übungsbuch: Ein Unterrichtsbehelf aus der Praxis für die Praxis“ von Vera Balser-Eberle. Die österreichische Schauspielerin hat nicht nur am Burgtheater das Publikum begeistert, sondern war später auch Konsulentin für Sprechtechnik am Burgtheater. Schon 1940 unterrichtete sie Sprechtechnik am Max Reinhardt-Seminar. Sie hat viele Sprechende und Schauspielende geprägt.
Ihre Lehren des „Burgtheaterdeutsch“ haben viele Unterrichtende beeinflusst und wurden an Sprechende und Schauspielende weitergegeben. So auch an mich. In meiner Zeit beim ORF erhielt ich Anfang der 1990er-Jahre Unterricht von der Schauspielerin und ORF-Sprecherin Rosmarin Frauendorfer. Die meisten Sprecher werden in Österreich nach diesem Übungsbuch ausgebildet.
Quelle: Austria-Forum (AEIOU): Balser-Eberle, Vera
Das Sprechtechnische Übungsbuch wurde übrigens neu aufgelegt: Das neue Sprechtechnische Übungsbuch: Die richtige Aussprache. Ob darin noch immer Löffel und Gabel streiten, kann ich noch nicht sagen.
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Was Burgtheaterdeutsch ausmacht und warum es sich gewandelt hat
Burgtheaterdeutsch, auch Bühnendeutsch genannt, ist eine spezielle Art der deutschen Aussprache. Vorrangig verwendeten es Schauspielende am Burgtheater in Wien und auf anderen deutschsprachigen Bühnen. Wer mich hört, weiß: Ich sage nicht „Interesse“, sondern „Inter-esse“. Ich sage nicht „Verein“, sondern „Ver-ein“. Ich sage nicht „Feuer“, sondern „Foier“. Und bei mir wird jedes „und“ zu einem „unt“. Das und vieles mehr lernt(e) man in der Sprechtechnik-Ausbildung.
Daran erkennen Sie Burgtheaterdeutsch:
- Aussprache: Sehr klar und deutlich, mit präziser Artikulation der Konsonanten und Vokale. So war das gesprochene Wort auch in großen Theatern ohne Mikrofon gut zu verstehen.
- Betonung: Besonderer Wert auf die korrekte Betonung von Silben und Wörtern. Die Sprache klingt dadurch melodischer und theatralischer als normales gesprochenes Deutsch.
- Tempo: Schauspielende neigen zu einem langsameren Sprechtempo. Das verbessert die Verständlichkeit und gibt dem Publikum Zeit, die Bedeutung hinter den Worten zu erfassen.
- Diktion: Korrekte und elegante Wortwahl, die sich von der Alltagssprache unterscheidet. Die Sprache wirkt formeller und gehobener.
- Intonation: Oft ausdrucksstärker und emotionaler als im normalen gesprochenen Deutsch. Das vermittelt den emotionalen Gehalt einer Szene oder einer Figur.
Heute gilt Burgtheaterdeutsch oft als veraltet oder künstlich. In der modernen Theaterwelt sieht man Sprechtechnik nicht mehr so streng wie noch vor zwanzig Jahren. Hören Sie zum Beispiel einer deutschen Synchronstimme wie Manfred Lehmann als Bruce Willis zu: Sie merken, wie weit Schauspielende heute manchmal von Burgtheaterdeutsch weg sind. Junge Werbesprecherinnen und Werbesprecher hören Sie kaum noch „Ver-ein“ oder „Inter-esse“ sagen.
Was Sie davon für Reden und Präsentationen übernehmen
Alles ist allerdings nicht überholt. Ein langsameres Sprechtempo unterstützt auch heute die Verständlichkeit. Ebenso die bewusste Trennung, wenn ein Wort auf „s“ endet und das nächste mit „s“ beginnt, wie bei „Susi saß säuselnd“. Ja, ich bin schon bei Ihnen: Wie oft säuselt wer beim Sitzen? Aber Sie bekommen die Idee. Und auch „unt“ fördert die Verständlichkeit.
Sie müssen nicht klingen wie wir. „Foier“ und „Inter-esse“ brauchen Sie nicht. Das harte T am Wortende schon: Sprechen Sie zum Beispiel das D bei „und“ wie ein T, dann sind Sie besser verständlich. Die Aussprache ist ohnehin nur ein Teil dessen, was einen Auftritt gelingen lässt.
Warum eine Pause mehr bewirkt als eine laute Stimme
Pausen sind wichtiger als die Aussprache. Sie haben zwei Vorteile: Sie denken in Ruhe über den nächsten Satz nach und vermeiden so Füllwörter wie „äh“. Und Ihr Publikum bekommt Zeit, über das Gesagte nachzudenken.
Dazu kommt, auch wenn es wie ein Paradoxon klingt: Eine gut gesetzte Pause bringt Aufmerksamkeit. Stellen Sie sich vor, Sie sprechen, und im Publikum tratschen einige Menschen. Dann hören Sie auf zu sprechen und pausieren. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Stimmen verstummen und alle Augen auf Sie gerichtet sind. Nicht lautes Schreien sorgt für Aufmerksamkeit, sondern eben das Gegenteil. Fachlich nennt man das eine Musterunterbrechung.
Analysieren Sie die Sprache berühmter Redner, dann sehen Sie: Sie spielen bewusst mit der Stimme. Sie werden leiser, dann wieder lauter, wenn sie etwas mit Nachdruck sagen. Und sie setzen Pausen.
Besonders wichtig sind Pausen bei Zahlen, Daten und Fakten. Unser Arbeitsgedächtnis, in dem wir Gehörtes kurz festhalten, fasst nur etwa vier Informationseinheiten gleichzeitig. Jede weitere Zahl verdrängt eine der vorigen. Wer sein Publikum ohne Vorwarnung mit Zahlen überhäuft, überlastet es, und die Zuhörer steigen aus. Nennen Sie deshalb eine Zahl, machen Sie eine Pause und erklären Sie sie mit einem Bild, das jeder kennt. Ein Bild fasst mehrere Einzelinformationen zu einer Einheit zusammen. Deshalb lohnt es sich, möglichst bildhaft zu sprechen.
Wie schnell sollten Sie bei einer Präsentation sprechen?
Langsamer, als es sich für Sie richtig anfühlt. Neben den Pausen entscheidet das Sprechtempo über die Verständlichkeit.
Menschen werden schneller, wenn ihnen eine Geschichte am Herzen liegt. Das passiert auch bei Aufregung und immer dann, wenn eine Präsentation aus der Komfortzone führt. Erinnern Sie sich an die Schulzeit? Bei mündlichen Prüfungen wollten Sie möglichst schnell durchkommen. Das führt zu Versprechern, Versprecher führen zu einer Stressreaktion, und dann kommen Sie erst recht ins Strudeln. Auch Begeisterung macht schnell.
Meine Beobachtung: Kaum jemand spricht zu langsam
Ich habe in meinem Leben viele Menschen zu schnell sprechen gehört. Nur selten habe ich mir gedacht: Der spricht zu langsam, kann er nicht etwas schneller sprechen?
Gehören Sie zu den Schnellsprechern, dann sprechen Sie probeweise so langsam, dass Sie glauben, beim Sprechen einzuschlafen. Für Ihr Gegenüber ist das wahrscheinlich genau das richtige Tempo. Nehmen Sie sich dazu mit dem Smartphone auf und hören Sie die Aufnahme an. Dass Ihre Stimme auf Aufnahmen fremd klingt, ist normal.
Ein sicheres Zeichen für zu hohes Tempo: Sie versprechen sich oft. Dann überholt Ihr Mund Ihr Gehirn. Zügeln Sie also Ihre sprachlichen Pferde.
Wahrscheinlich brauchen Sie deshalb gar kein Sprechtraining im klassischen Sinn. Sie brauchen die Erlaubnis an Ihren inneren Kritiker, langsamer sprechen zu dürfen.
Stimme knödelig? So lösen Sie Verspannungen vor dem Auftritt
Fühlt sich Ihre Stimme vor einem Vortrag knödelig an, als hätten Sie einen Frosch im Hals oder als würde Ihnen jemand die Kehle zudrücken, kann das Nervosität sein. Der Grund kann aber auch an einer Verspannung im Körper liegen. Sie kann von den Füßen kommen, vom Kreuz, von den Schultern oder vom Nacken. All das wirkt sich negativ auf die Stimme aus.
Dehnen Sie Nacken und Schultern deshalb vorsichtig durch. Die folgenden Übungen stammen aus dem Merkblatt einer Sprachtherapie-Abteilung des britischen Gesundheitsdienstes NHS. Setzen oder stellen Sie sich aufrecht hin und bewegen Sie sich langsam und gleichmäßig. Wippen Sie nicht nach, gehen Sie nur bis an Ihre Grenze und brechen Sie bei Schmerzen sofort ab. Jede Übung wiederholen Sie fünfmal:
- Kopf zur Seite wenden: Bewegen Sie das Kinn Richtung rechte Schulter, als würden Sie nach rechts schauen. Der Kopf sinkt dabei nicht ab. Zurück zur Mitte, dann nach links.
- Ohr zur Schulter: Neigen Sie das rechte Ohr Richtung rechte Schulter, der Blick bleibt nach vorn. Zurück zur Mitte, dann links.
- Schultern heben und senken: Ziehen Sie beide Schultern Richtung Ohren, drücken Sie sie dann nach unten und lassen Sie los.
- Schultern kreisen: Kreisen Sie eine Schulter in kleinen Kreisen vorwärts, dann rückwärts, danach die andere. Zum Schluss beide gemeinsam.
Rollen Sie den Kopf dabei nicht im Kreis. Für einen festen Stand hilft die Erdungsübung aus meinem Beitrag Lampenfieber vor der Präsentation.
Summen Sie danach einige Minuten ganz sanft vor sich hin. Das lockert die Stimmlippen. Summen gehört zu den sogenannten SOVT-Übungen (semi-occluded vocal tract), die in der Stimmtherapie breit eingesetzt werden. Eine Variante mit Schlauch und Wasser beschreibe ich im Beitrag Stimme bei Erkältung.
Hält die Verspannung oder eine heisere Stimme länger als zwei bis drei Wochen an, lassen Sie das bei einer HNO-Ärztin oder einer Logopädin abklären.
Also investieren Sie lieber in Pausen und die Modulation Ihrer Stimme, anstatt in eine lange Sprecherausbildung. Sollten Sie dennoch nicht weiterkommen, dürfen Sie sich gerne melden.
Quelle: NHS North Cumbria: Neck and shoulder exercises
Quelle: NCVS: Voice is Free after SOVT
Quelle: Nelson Cowan (2001): The magical number 4 in short-term memory
Häufige Fragen zur Sprecherausbildung für Führungskräfte
Brauche ich als Führungskraft eine Sprecherausbildung?
Nein. Für gute Präsentationen reichen wenige Techniken: Pausen, ein ruhiges Tempo und deutliche Wortenden. Wer gezielt an Stimme und Ausdruck arbeiten möchte, findet das in einem Training.
Wie schnell soll ich bei einer Präsentation sprechen?
Langsamer, als es sich für Sie richtig anfühlt. Wer glaubt, beim Sprechen einzuschlafen, hat für das Publikum meist das richtige Tempo erreicht. Wer sich oft verspricht, spricht zu schnell.
Warum sind Pausen beim Präsentieren wichtig?
Pausen geben Ihnen Zeit für den nächsten Satz und Ihrem Publikum Zeit, das Gesagte zu verarbeiten. Außerdem holt eine Pause die Aufmerksamkeit zurück, wenn im Raum Unruhe entsteht.
Was hilft gegen eine knödelige Stimme vor einem Vortrag?
Nacken und Schultern langsam dehnen und einige Minuten sanft summen. Beides löst Verspannungen, die die Stimme belasten können. Hält die Beschwerde länger an, klärt eine HNO-Ärztin oder Logopädin die Ursache.
Sie möchten gezielt an Stimme und Ausdruck arbeiten? Dann kontaktieren Sie mich. Gemeinsam sehen wir uns dann nicht nur Ihre Stimme an, sondern auch den Aufbau Ihrer Präsentation, denn auch dort gibt es Tricks, die die Aufmerksamkeit des Publikums halten. Seit 2010 habe ich über 3.000 Menschen in Medien-, Präsentations- und Sprechtrainings begleitet.